Drei Tage Gedenken gegen das Vergessen

 

 

Die Maria-Ward-Schule war vergangene Woche Gastgeber der diesjährigen Gedenkfeier zur 3. Stolpersteinverlegung in Bad Homburg.

Bereits am Morgen des ersten Tages nahmen die Schülerinnen der Maria-Ward-Schule mit Zeitzeugen, Nachfahren und Interessierten am ersten Akt der bewegenden Zeremonie teil, die am Denkmal „Am Platz der ehemaligen Synagoge“ von dem Vorsitzenden der Initiative Stolperstein e.V., Herrn Juretzek, eröffnet und u.a. von den berührenden kantoralen Gesängen des Rabbiners Andi Steiman untermalt wurde.

Anschließend folgte die Menge dem Kölner Künstler Günter Demnig, der weitere 14 goldglänzende Versatzstücke vor den Wohnhäusern, der im NS-Regime ermordeten Bad Homburger Bürger, in den Boden einließ. „Das Herz und der Kopf sollen hierüber stolpern, zum kurzen Innehalten auffordern und den Opfern ein Stück weit ihre Identität wiedergeben“, so der Stadtverordnetenvorsteher, Herr Dr. Alfred Etzrodt.

Weiter ging es am Abend in der gut gefüllten Aula der Maria-Ward-Schule. Nach der Begrüßungsrede von Frau Fischer, übernahm der Oberbürgermeister der Stadt Bad Homburg, Herr Alexander W. Hetjes, das Wort. In Bezug auf diese Thematik verwies er auf die TV-Serie „Babylon Berlin“, die seines Erachtens anschaulich ein Bild der 1920er und 30er Jahre zeichnet - wie sich organisierte Gewalt und Hass breit machte, Druck einer Gruppe demokratische Umgangsformen zerstörte und Verbrechen zunächst geduldet und dann sogar offen begrüßt wurden.

Aufmerksam hing das gesamte Publikum den Familienangehörigen und Freunden von Bertha Harth, Salamon Lind und Alfons Pflügel an den Lippen, als diese von ihren Begegnungen und Erzählungen aus damaliger Zeit berichteten - ergreifende Geschichten voll Sehnsüchten und Ängsten, aber auch von Freundschaft, Zusammenhalt und Hilfsbereitschaft.

Im Anschluss schilderten Schülerinnen der zehnten Klasse, immer noch sichtlich erschüttert, ihre Eindrücke des Besuchs des 3km von unserer Partnerschule entfernten KZs in Majdanek, welches sie im Rahmen ihres Polen-Austauschs besuchten. Sie sprachen außerdem von einem Projekt, das ihnen sehr am Herzen liege - jedes Jahr besuchen sie mit ihren Religionsgruppen die in ihrer Stadt verlegten Stolpersteine, polieren diese und legen weiße Rosen nieder. Anschließend beten sie gemeinsam für die Opfer und bitten Gott um Frieden.

Am folgenden Tag war die Familie Harth, die anlässlich dieser Veranstaltung aus Israel und den USA angereist war, erneut zu Gast in der Maria-Ward-Schule. Alisa Harth, die Großnichte von Bertha Harth, schrieb basierend auf Briefen und Postkarten des nach Lodz deportierten und ermordeten Bruders von Bertha Harth, Josef Harth, ein Buch. „Nach und nach alles in Ordnung bringen“, so der Titel übersetzt aus dem Hebräischen.

Die Lesung beendet Alisa Harth mit ihrem persönlichen Fazit resultierend aus der Auseinandersetzung mit ihrer Vergangenheit und der Geschichte: „Leben und leben lassen“.

 Am letzten, dieser bewegenden drei Tage, erhielt die Klasse 7a Besuch des Autors Paul-Ernst Cohen. Er brachte den Schülerinnen drei Liebesgeschichten mit, wie sie sich zu Zeiten des Nationalsozialismus´ ereigneten - unter anderem die seines Großonkels Ernst Cohen. Nachdem der in Köln geborene Sohn jüdischer Eltern im Jahr 1933 seines Papiergeschäfts zwangsenteignet wurde, fand er 1936 Trost bei der Witwe Elisabeth Heck. Mit deren Familie zog er kurz darauf nach Bad Homburg in die Brendelstraße. Ernst Cohen wurde über Limburg-Diez und Dachau nach Buchenwald deportiert, wo er im November 1938 starb. Mit Bedacht und Feingefühl erzählt, führte er die jungen Schülerinnen so an dieses sensible Thema heran.

Einen würdigen Abschluss bildete das Pflanzen des Rosenstocks der Sorte „Friedenslicht“ auf dem Schulgelände der Maria-Ward-Schule, als Sinnbild des Friedens und der Hoffnung.

 

Bad Homburg, 26.10.2018

Monya Tarara

 

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